Warum mich Work-Life-Balance verwirrt ...

Stefan Birk

 

Wenn man über Work-Life-Balance spricht, hat man den Eindruck, es sei schon alles gesagt. Das Thema hat es in die Boulevardpresse geschafft, alle glauben daran und damit ist also eigentlich nichts mehr hinzuzufügen. Ich scheine der Einzige zu sein, der noch verwirrt zurückbleibt. Warum? Lesen Sie selbst.

Wie gesagt, das Thema ist in aller Munde. Und deshalb gibt es auch (wie immer) gleich eine ganze Reihe von Experten (oftmals sogenannte Coaches), die gestresste Angestellte beraten. Dabei wird mit mehr oder weniger hoher Professionalität versucht, die aktuelle Situation geprägt durch Arbeitsverdichtung, Zeitdruck und „Burnout" irgendwie zu verbessern. So banal es auch klingt, die Botschaft ist oft: Du musst Dein Leben ändern und insbesondere deine Zeitbudgets zugunsten des Privatlebens verschieben. Weniger populär ist bei den Ratgebern offenbar die Auffassung, dass man ein Gleichgewicht auch zugunsten der Arbeit verschieben kann und in einigen Fällen vielleicht sogar muss. Es soll ja tatsächlich Leute geben, die vor lauter Freizeit einen „Bore-out“ bekommen.

 

Es gibt natürlich auch Vertreter der Work-Life-Balance-Idee, die mit weniger holzschnittartigen Konzepten aufwarten. So sind z.B. wissenschaftliche Modelle erarbeitet worden, die die Grundidee des Gleichgewichts aufgreifen, aber eher im Zusammenhang mit einem „Ressourcenmodell“ arbeiten (z.B. Kastner, Die Zukunft der Work-Life-Balance). Diese lassen zumindest die Möglichkeit zu, dass gute Arbeit zur Zufriedenheit und psychologischen Stärkung beiträgt. Dort wird also nicht immer nur davon gesprochen werden, dass „Work“ schlecht und „Life“ gut ist. Zumindest schon mal eine etwas differenziertere Sicht der Dinge.

 

Ich muss zugeben, ich gehöre keiner der Schulen an, egal wie ausgefeilt die Theorie sein mag. Und das hat damit zu tun, dass ich verwirrt bin. Eine Verwirrung, die mit den Begriffen zu tun hat. Oje, werden Sie sagen, jetzt werden wir mit Definitionen gelangweilt. Aber seien Sie beruhigt, es wird nicht so schlimm werden, ich beschränke mich eher auf einige naive Beispiele.

 

Beginnen wir also damit „Work-Life-Balance“ in seine Bestandteile zu zerlegen. Zunächst zur Balance: Das hat wohl offensichtlich mit Gleichgewicht zu tun und sofort assoziiert jeder das gängige Bild der Waage, die auf den beiden Seiten verschiedene (oder gleiche) Gewichte trägt. Wenn man es mit Metallgewichten zu tun hat, ist das alles leicht zu verstehen. Ein Kilo ist ein Kilo und da gibt es nichts zu deuteln: die Waage ist im Gleichgewicht, wenn man zwei gleiche Gewichte drauflegt.

 

Aber kann man Life und Work wirklich so eineindeutig definieren wie man das bei einem Kilo tun kann? Machen wir ein paar praktische Versuche:

 

- Ausflug mit der Familie am Sonntag? Na ja, das ist leicht. „Life“ natürlich! Also ab auf die Waagschale „Life“.

- Mittwoch im Büro langweilige Formulare ausfüllen? O.K., das klingt nach „Work“.

- Montags morgens Konferenz mit den Kollegen im Büro? Klare Sache, also rein in Waagschale „Work“! Oder doch nicht? Man sitzt mit erwachsenen, meist kultivierten Menschen zusammen, unterhält sich (sogar teilweise über Dinge, die einen interessieren), isst Kekse und trinkt Kaffee. Eigentlich doch sehr relaxt das Ganze. Also „Life“? Nein, irgendwie nicht, es wird ja über Aufgaben gesprochen, die einem (wenn man Pech hat) am Ende auch noch zugeteilt werden. Aber auf der anderen Seite: die Aufgaben macht man ja erst nach dem Meeting. Also doch „Life“?

- Am selben Tag am Abend zuhause (wir vermuten sofort: zuhause = „Life“): Gespräch mit der (fast) erwachsenen Tochter über grauenhafte schulische Leistungen und totales Desinteresse. Na ja, das mag ja „Life“ sein, aber ist das wirklich leichter als das Meeting siehe oben? In dem Teil des Tages, den wir oft "Arbeit" nennen, ist die Komplexität der Aufgaben sicher nicht eben gering. Aber im Vergleich zur Erziehung von Pubertierenden natürlich auf geradezu lächerlichem Niveau. Also „Work“? Na ja, das wäre es sicher, wenn man Lehrer, Erzieher in einer Schule oder Sozialarbeiter wäre. Aber als Eltern wird man ja nicht bezahlt dafür und deshalb ist das eben „Life“, oder doch nicht?

 

Die wenigen Beispiele zeigen schon: es gibt wohl eine ziemlich Unschärfe. Und wenn Sie noch nicht überzeugt sind, probieren Sie es mal selbst aus. Zum Beispiel mit folgenden Beispielen:

 

- Ein Grafiker macht voll Inbrunst und mit viel Freude ein Design für einen Kunden, der dafür bezahlt.

- Sie haben gefühlte 50 Fenster, die Sie am Samstag putzen müssen.

- Sie arbeiten mit Ihrem Ingenieur-Team am Durchbruch einer ziemlich coolen Technologie (gerne auch bis in die Nachtstunden).

- Eine Büroangestellte bei einer Behörde verbringt die gesamte „Freizeit“ mit der Pflege der betagten Mutter (Frage: Welcher Teil des Tages ist nun die Arbeit?)

 

Übrigens, noch komplizierter wird’s natürlich, wenn man davon ausgeht, dass jeder Mensch verschiedene Dinge anders erlebt. Grundsätzlich ist es vorstellbar, dass jede Tätigkeit auf beiden Seiten der Waage landen kann. Und um noch eine Dimension hinzuzufügen: jeder Mensch kann in unterschiedlichen Phasen seines Lebens ein und dieselbe Tätigkeit auf unterschiedliche Weise bewerten.

 

Die Beispiele zeigen, warum man durchaus verwirrt sein kann. Und man versteht auch, dass sich in letzter Zeit die kritischen Stimmen mehren, die das Konzept als solches für irreführend halten und ablehnen (z.B. Vasek, Work-Life-Bullshit).

 

Ich halte das Konzept aber nicht nur für verwirrend, es hat – auf die oben gezeigte Weise mechanistisch verstanden – auch durchaus das Potential sehr gefährlich zu sein. An dieser Stelle können die Überlegungen nicht weiter ausgeführt werden, aber vielleicht helfen Ihnen folgende Fragen, sich ein wenig zu gruseln:

 

- Ist es nicht schön, dass man einen krankmachenden Job und unerträgliche Druckverhältnisse im Unternehmen mit der Verbesserung auf der „Life-Seite“ ausbalancieren kann?

- Ist es nicht super, dass viele Firmen die Mitarbeiter genau dabei unterstützen, indem sie auf dem Campus ein „Gym“, kostenloses Essen, Billardspielen etc. anbieten?

- Wäre es nicht ganz fortschrittlich, wenn auch Familienaufgaben wie z.B. die lästige Kindererziehung von professionellen Mitarbeitern Ihrer Firma übernommen werden, um Ihre wertvolle Arbeitszeit zu sparen?

- Wäre es nicht ein Ausdruck besonderer Wertschätzung gegenüber Ihnen, wenn der „Feelgood Manager“ der Firma gleich Ihr gesamtes Privatleben managt und auch dabei hilft, einen Freundeskreis aufzubauen, der aus (gleichgesinnten) Kollegen besteht?

- Mit anderen Worten: Würden Sie sich nicht glücklich schätzen, bei „The Circle“ zu arbeiten?