Was hat der „Kreative Arbeiter“ mit Pornografie gemeinsam?

Stefan Birk

 

Dass die Kreativität der Unternehmer, Mitarbeiter und Wissenschaftler ganz entscheidend dazu beiträgt, unsere Wirtschaft innovativ zu halten und die „Zukunft der Arbeit“ zu sichern, wird wohl kaum ernsthaft bestritten. Aber wer gehört denn zu den „Kreativen Arbeitern“? Kann man das definieren und abgrenzen?

 

Intuitiv wird jeder zustimmen, dass folgende Berufsgruppen grundsätzlich zum Kern der kreativen Mitarbeiter zu zählen sind: Wissenschaftler, Ingenieure, Informations- und Kommunikationstechniker, Designer, Marketingexperten, Berater, Juristen, vielleicht auch Manager. Es ist ein bisschen wie mit dem Begriff „Pornografie“ – man tut sich schwer mit der Definition, aber wenn man sie sieht, weiß man was gemeint ist.

 

Doch was unterscheidet diesen „Kreativen Arbeiter“ von anderen eigentlich genau? Für eine möglichst pragmatische Abgrenzung könnte man mit der Historie von Begriffen beginnen, die in der allgemeinen Diskussion immer wieder genannt werden.


Da ist zum ersten der Begriff „Wissensarbeiter“, der im Jahre 1962 durch den Nationalökonomen Fritz Machlup in seinem Werk „The Production and Distribution of Knowledge in the United States“ populär gemacht wurde und von Managementgurus wie Peter Drucker begierig aufgegriffen wurde. Wie der Titel des Buches schon sagt, handelt es sich bei Wissensarbeit um die Produktion und Verteilung von Wissen. Eine Definition, die noch heute Verwendung findet. Der breite Begriff Wissensarbeiter bezieht aber auch Personengruppen mit ein, deren Aufgaben in den Sechzigerjahren noch von Menschen erledigt wurden, heutzutage aber leicht automatisiert werden können. In der Unternehmenspraxis sind das z.B. Aufgaben, die mit der Aggregation von Informationen und deren Weitergabe zu tun haben (Beispiel: Berichtswesen) oder auch Bankdienstleistungen.

 

In Reaktion auf die Schwäche der sehr breiten Definition des „Wissensarbeiters“ hat Robert Reich, einstiger US-Arbeitsminister im Kabinett von Bill Clinton, in den 80ern den Begriff „Symbolanalyst“ geprägt. Er meint damit die oberste Schicht der Arbeitnehmer, „ ... die fast ausnahmslos sehr gebildet ist und mittels systematischen Denkens Probleme identifizieren und lösen kann.“  Mit der Bezeichnung „Symbolanalyst“ – eine Begrifflichkeit, die unmittelbar an IT-Technologien denken lässt – und der Betonung des „systematischen Denkens“ sind offenbar ausschließlich rein rational zu lösende, komplexe Problemstellungen angesprochen. In diesem Sinne scheint die Definition auch verschiedentlich missverstanden worden zu sein. Reich selbst weist deshalb in einer späteren Präzisierung darauf hin, dass der Mehrwert dieser Menschen in erster Linie in ihrer Kreativität besteht. Es handelt sich also nicht allein um IT-Technologen, sondern um alle „Kreativen der Wirtschaft“. 

 

Der Soziologe Richard Florida greift das Kriterium Kreativität für seine vor ca. 20 Jahren erarbeitete Konzeption auf. Für seinen Begriff der „Creative Class“ ist einzig relevant, für was diese Menschen bezahlt werden, nämlich für ihre Kreativität. Von zwei Gruppen ist dabei die Rede: einerseits dem Kern der kreativen Klasse, deren Mitglieder in Wissenschaft und Lehre, Technologie, Architektur, Design, Kunst und Musik sowie Entertainment beschäftigt sind und andererseits von der Gruppe „kreativer Professioneller“ in Unternehmen, im Rechtssystem und Gesundheitswesen. Für die Zwecke einer Untersuchung der Zukunftsfähigkeit und Attraktivität von Städten bzw. Großräumen – die eigentliche Domäne von Florida - ist diese Zweiteilung hilfreich, weil gerade eine aktive und innovative Kunstszene empirisch gesehen sehr große Anziehungskraft für andere Mitglieder der kreativen Klasse besitzt. Im Rahmen einer Untersuchung, die sich insbesondere mit Unternehmen und ihren Mitarbeitern beschäftigt, sind allerdings in erster Linie die Menschen außerhalb der Kunst- und Wissenschaftsszene interessant – also die „Kreativen Professionellen“.

 

Dieser „Kreative Professionelle“ ist abzugrenzen von den „Arbeitern in routinemäßigen Produktionsdiensten“ (in der Diktion von Richard Florida die „working class“) und die „kundenbezogenen Dienstleister“ („service class“). Wichtigstes Unterscheidungsmerkmal ist, dass die beiden letztgenannten in ihrer Arbeit überwiegend einem vorgefertigten Plan folgen. Unmittelbar anschaulich ist dies im Falle von Produktionsmitarbeitern am Fließband oder Servicemitarbeitern von Fast-Food-Ketten. Aber man sollte sich keine Illusionen machen. Viele Beschäftigte in der Verwaltung folgen inzwischen rigiden Prozessdefinitionen, die - in Software materialisiert – praktisch null Freiheiten für den Mitarbeiter lassen. Man kann hier keinen Unterschied zu einfacher Fließbandarbeit erkennen. Es ist sicherlich ungewohnt, aber in diesem Sinne sind große Teile der Verwaltung eher der „working bzw. service class“ zugehörig.

 

Andersherum kann man z.B. in den Werkshallen traditioneller Branchen Arbeitnehmern begegnen, die zwar (nur) einen gewerblichen Hintergrund haben und möglicherweise keinen höheren Berufsabschluss, aber dennoch (zum Beispiel in der Qualitätsprüfung) schwierige technische Probleme untersuchen oder innovative Konzepte erproben. Man tut sich schwer, diese Mitarbeiter in das Schema des „Kreativen Professionellen“ zu pressen, so wie er beispielhaft bei Florida beschrieben wird. Aus diesem Grund neigen wir dazu vom „Kreativen Arbeiter“ zu sprechen, um alle Gruppen unabhängig von ihrem Ausbildungs- und Sozialstatus zu erfassen.

 

War das jetzt eine Definition? Nein, im streng wissenschaftlichen Sinne nicht. Aber hoffentlich trotzdem hilfreich für unsere weitere Diskussion.

 

Arbeitsdesign, workdesign, Wissensarbeit, KreativerArbeiter