Warum sollten Mitarbeiter wie Unternehmer denken?

Stefan Birk

 

Immer wieder hört man Manager sagen, dass man nur erfolgreich sein kann, wenn jeder Mitarbeiter wie ein Unternehmer denkt und handelt. Aber warum sollten Angestellte diesem Appell folgen und wie Unternehmer arbeiten? Wofür sollten sie das tun?


Joe Kaeser, Vorstandsvorsitzender der Siemens AG, ist nur einer unter vielen Managern,  der einen „Ruck“ fordert und an die Mitarbeiter appelliert: „Denkt wie Unternehmer! Handelt als ob Euch das Unternehmen gehört!“ Die Mitarbeiter hören es wohl und wissen auch, was damit zum Ausdruck gebracht wird. „Bitte liebe Mitarbeiter steckt alle Eure Energie in die Arbeit für die Firma! Stellt alle Lebensbereiche hintan und kümmert Euch ausschließlich  um das Wohl der Firma! Schaut nicht auf die Uhr und seid immer flexibel, besonders wenn es um die Wünsche der Kunden geht! Übernehmt immer die volle Verantwortung, für alles was ihr tut! Denkt mit und kümmert Euch im Zweifel auch um Probleme, um die sich andere kümmern müssten!“ Und so weiter und sofort. Alles natürlich Forderungen, die grundsätzlich nichts Schlimmes sind. Vorausgesetzt man ist Unternehmer und arbeitet für das Wohl der eigenen Firma.

Aber die Frage ist: Warum sollten die Mitarbeiter das alles tun? Sind sie denn als Angestellte die Eigentümer des Unternehmens? Wohl eher nicht, sieht man von kleineren Aktienpaketen für die Managementebene mal ab. Oder erhalten sie ein komplett am Ergebnis orientiertes Gehalt? Auch das ist wenig wahrscheinlich. Im Gegenteil, in der Praxis zeigt sich heute eher der gegenläufige Trend - also eine Verringerung der Gehaltsbestandteile, die an das Unternehmensergebnis gebunden sind. Wenn also keine materiellen Anreize vorliegen, warum sollte man sich auf diese Forderung einlassen?

Hier zwei mögliche Gründe:

 

(1) Die Arbeitsorganisation und die Arbeitsbedingungen (z.B. Arbeitszeit) laden zu selbständiger, selbstgesteuerter und frei eingeteilter Arbeit ein. Aber wo liegen solche Bedingungen vor? In Unternehmen wie Siemens, in denen das mittlere Management oft ängstliches Mikromanagement betreibt, ist auf Arbeitsebene jedenfalls kein Raum für unternehmerische Freiheit. Und für die Managerebenen unterhalb des Topmanagements gilt das gleiche: gerade in der unangenehmen Sandwichposition ist sogar noch viel weniger denkbar. Erwarten wir wirklich, dass sich das in großen Bürokratien wie z.B. Siemens in Kürze ändern wird?

(2) Die Arbeit macht Spaß. Man ist mit Passion dabei. Man würde mit anderen Worten auch daran arbeiten, wenn man kein festes Gehalt dafür bekommen würde. Der Arbeit kommt mit anderen Worten eine wichtige Stellung bei der Selbstverwirklichung des jeweiligen Mitarbeiters zu.  Auch bei Siemens gibt es sicherlich solche „Inseln der Glückseligkeit“ zum Beispiel in der einen oder anderen Entwicklungsabteilung. Aber Hand aufs Herz, niemand wird annehmen, dass es möglich ist, dass jeder nur das macht, was Spaß macht. Was man allerdings bei jedem eliminieren könnte sind die Tätigkeiten, die von den eigentlichen Aufgaben ablenken. Also dem Kern von Aufgaben, wegen denen man eine bestimmte Stelle angestrebt hat und die man besonders gut (und deshalb auch gern) macht.  Aber hat man schon einmal von Process-Reengineering-Projekten gehört, bei denen die Selbstverwirklichung der Mitarbeiter eine besondere Rolle gespielt hat?

 

Unsere These ist: Unter den heutigen Rahmenbedingungen kann nicht im Ernst „unternehmerisches Verhalten“ eingefordert werden, da die Mitarbeiter spüren, dass das Topmanagement nicht wirklich die Bedingungen für unternehmerisches Arbeiten schaffen möchte. Oder mit anderen Worten: man soll die „Pflichten“ eines Unternehmers übernehmen, aber die „Rechte“ (z.B. die Freiheit selbstgesteuerter Arbeit) werden einem vorenthalten. Damit wird es wohl beim Appell bleiben. Übrigens ein Appell von Mitarbeiter zu Mitarbeiter. Denn auch Herr Kaeser ist und bleibt ein Angestellter, allerdings ein ziemlich gut bezahlter.

 

Arbeitskultur, Arbeitsorganisation, Arbeitsproduktivität